"One Theory to Rule Them All? Neorealism in Middle Earth"

Am 27.10.2025 fand die erste Veranstaltung der neuen Reihe “Hextech, Hobbits and Hegemons - Theories of International Relations in the Realm of Pop-Culture” der Hochschulgruppe für Außen- und Sicherheitspolitik Jena statt. Zuerst erfolgte eine grundsätzliche Einleitung zur Veranstaltungsreihe. Daraufhin präsentierte Timur Nematov eine Zusammenfassung der Theorie des Neorealismus, welche Jacob Langenhahn auf “Herr der Ringe” anwendete.

Die Veranstaltung begann mit einer Einleitung von Josef Mlejnek. Dabei definierte er kurz die akademische Disziplin der Internationalen Beziehungen und erklärte den Nutzen der Großtheorien des Faches. Daraufhin ging er auf die in den letzten zwei Jahrzehnten aufgekommene Forschung zur Interaktion zwischen Fiktion und Internationalen Beziehungen ein. Die Forschung könne grob in zwei Stränge unterteilt werden: Der pädagogische Ansatz untersuche, wie fiktive Welten benutzt werden können, um Studierenden die Theorien der internationalen Beziehungen einfacher näher bringen zu können,während der konstruktivistische Ansatz untersuche, wie sich Fiktion und Realität in den internationalen Beziehungen gegenseitig ko-konstituieren. Nele Söhnlein erklärte daraufhin die Anarchie als zentrales Kriterium und Definitionsmerkmal der internationalen Beziehungen. Anarchie bedeute dabei nicht konstanter Krieg und Gewalt, sondern stattdessen das Fehlen einer übergeordneten Regelungsinstanz, die Staaten kontinuierlich zum Einhalten von Regeln bringen kann. Dieses Kriterium der internationalen Beziehungen sei wichtig, da es im Umkehrschluss bedeute, dass die Grundsätze der Großtheorien nicht nur auf Staaten, sondern auf jegliche organisierten Menschengruppen, die in einem anarchischen System mit anderen Gruppen existieren, angewendet werden können. Zum Schluss der Einführung bekamen die Teilnehmer ein interaktives Policy Szenario, in dem sie die Außenpolitik eines fiktiven Staates gegenüber einem aufsteigenden Hegemon gestalten konnten. Die Entscheidungen der Teilnehmer wurden diskutiert und die daraus resultierenden Ergebnisse von Veranstaltern mit Konzepten der Großtheorien verbunden, um aufzuzeigen, wie IB Theorien helfen können, Akteure im internationalen System zu verstehen. 

 

Der zweite Teil der Veranstaltung begann mit einem Vortrag von Timur Nematov zum Neorealismus. Aufgrund der Anarchie existiert im internationalen System ein Vertrauensdefizit. Das Hauptinteresse der Staaten ist es, das eigene Überleben sicherzustellen. Wegen dieser zwei Faktoren ist das internationale System ein Selbsthilfesystem, in dem relative Gewinne ausschlaggebend seien. Diesen Gedanken zeigte Herr Nematov exemplarisch an dem Konzept des Sicherheits-Dilemmas. Zum Schluss erklärte er den Begriff des aufsteigenden Hegemons und die möglichen Strategien, mit denen andere Staaten mit einem Hegemon umgehen können: Balancing (der Zusammenschluss mit anderen Staaten um ein Gegengewicht zu bilden), Bandwagoning  (der Anschluss an den Hegemon um von ihm zu profitieren) und Buck-passing (hoffen oder sicherstellen, dass sich andere Staaten mit dem Problem befassen). Daraufhin behandelte Jacob Langenhan die Theorie anhand von “Herr der Ringe”: Sauron fordere das vorherrschende multilaterale internationale System mit seinen Hegemoniebestrebungen heraus und intendiere, das vorherrschende Normensystem zu zerstören. Darauf reagieren Staaten-ähnliche Akteure wie vom Neorealismus vorausgesagt. So verfolgen z.B. Gondor und Rohan eine Balancing-Strategie, Saruman und die Ostlinge nutzen Bandwagoning. Die Hobbits sind eindeutige Buck-Passers. Einige Diskrepanzen lassen sich vom Neorealismus jedoch nicht erklären. So ist zum Beispiel die Unterstützung Saurons durch die Harad mit deren Vergangenheit als koloniale Opfer Numenors zu begründen. 

 

Zum Schluss wurden die Konzepte von Balancing und Bandwagoning mit den Teilnehmer*innen diskutiert. Mit 24 Teilnehmern*innen war dies die meistbesuchte reguläre Veranstaltung des BSH Jena seit 3 Jahren. Wir freuen uns auf das nächste Event der Veranstaltungsreihe! Dieses findet am Montag, dem 10. November um 18:15 im SR 030, UHG, FSU Jena, Fürstengraben 1 statt. Thema ist Konstruktivismus in Game of Thrones.